BYND THE SURFACE

by konstantin arnold

Setz dich

Als ich das Hauptgebäude verlasse, ist es windig und eigentlich schon viel zu spät. Die meisten meiner Kommilitonen verlassen mit zielstrebiger Miene den Campus, um das Geplante zu erleben. Ein paar chinesische Austauschstudentinnen versuchen vergebens ihre Frisur ins Wochenende zu retten. Es ist Freitag auf dem Campus der Waikato Universität und ich bin völlig übermüdet. Erst seit letzter Nacht bin ich von der Ostküste zurück. Ein tropischer Wirbelsturm hat mich durch Zufall mit dem Ort bekannt gemacht, an dem ich zumindest für einige Wochen meinen neuseeländischen Sommer verbringen werde. Den Umständen entsprechend ist mein fünfhundert Dollar teures Fahrvergnügen noch vollstens ausgestattet, wenn es um die Verwirklichung spontaner Gefühle geht.  Jordan trägt noch immer einen Moonboot  und lediges Benzingeld kann ich mir nicht leisten. Ich wähle die Nummer der dänischen Jurastudentin und muss einige meiner überzeugenden Argumente durch die windige Telefonleitung brüllen, um zu verdeutlichen, dass es mir um Charakter anstelle der Tankfüllung ginge. Dann willigt sie ein, fünf Stunden Fahrt durch insulanes Mittelgebirge auf sich zu nehmen, ohne dabei natürliche Kulisse und Tageslicht genießen zu können. Mir bleibt eine gute Stunde, bis sie ihre Meinung ändern könnte.Auf dem Weg zu den Patersons sind Gelb grün und einige Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder inakzeptabel. Neben meinem dreißig Dollar Müsli schnappe  ich ein paar gewachste Back Up Bretter und erkläre Mrs. Paterson, dass ich nicht zweimal lebe. Der Forecast ist gut, aber kaum Grund für meine Reise. Vielmehr möchte ich die richtige Wahl treffen, wenn ich im Laufe der nächsten Woche mit der Personalabteilung des Backdoor Surfshops spreche und ihnen saisonale 03691/2227005Treue schwöre. Deswegen fahren wir nach Gisborne!Die Fahrt ist lang. Drei Milchkaffees, zu viel Joe Cocker und die Analyse ihrer unmoralischen Fernbeziehung zäheren die letzten Kräfte aus meinem volkswirtschaftlichen Bewusstsein. Dafür schmeißt sie während der Fahrt ein paar Zigaretten und überzeugt mit trockenem Humor, der sich auf ein bescheidenes Englischvokabular stützt. Gegen Mitternacht passieren wir das Ortseingangsschild! Trotz dieses unerträglichen Hungergefühls erklärt mir mein Bauch, dass das nicht der Ort sein wird, an dem ich einer 25 Stundenwoche und 28 Grad Durchschnittstemperatur entgegenblicke.  Wir finden einen chinesischen Schnellimbiss mit grässlichem Licht und unmotivierten Mitarbeitern russischer Herkunft. Sie kratzen die letzten Feierabendreste zusammen, um zumindest annähernd die Beschreibung der Speisekarte zu treffen. Das grelle Licht offenbart mehr als nur Hautunreinheiten der letzten drei Jahre und treibt uns schließlich nach draußen. Der deutsche Wunsch: unsere Mahlzeit mit einem importierten Bier erträglicher zu machen, verstärkt sich. Unverständliche Öffnungszeiten und Alkoholverbot auf neuseeländischen Straßen treiben uns in den Raucherhof einer Spielkneipe, die neben spielsüchtigem Ambiente und dörflicher Depression zumindest einen Campingtisch und kühles Lager anzubieten hat. Auf dem Weg zu dem Motel, das wir noch nicht gefunden haben, stelle ich für ein paar Schritte meinen Optimismus in Frage. Doch morgen werden die Wellen gut. Ich werde Jhia treffen und mit Hannah meinen deutschsprachigen Restbestand wieder aufleben lassen. Ich treffe das vollkommen erträgliche Pärchen in einem kleinen Kaffee in Wainui, nachdem die dänischen Jurastudentin und ich die andere Hälfte des Tages damit verbracht haben, die Strände an Gizzies Westküste zu bewundern. Diesen Text schreibe ich zwischen einer Hand voll Palmen und milchgrünen Bergen. Von dem Tisch an dem ich sitze, kann ich fast ins Meer pinkeln. Wenn wir unterwegs  einen potentiellen Arbeitgeber sehen, lasse ich ein paar charmante Phrasen durch meine Zahnlücke gleiten, um das Personal der Surfshops davon zu überzeugen, einen Deutschen einzustellen. Freundlichkeit ist gut, doch manchmal so überflüssig, wie einer Dame die Tür zur Herrentoilette aufzuhalten. Eigentlich ist alles reinste Formalie. Denn ich habe gefunden, nach was ich suchte. Wäre da nicht noch Taranaki und surfender Perfektionismus mit Hinblick auf  kurzweilige Sesshaftigkeit.

White waves upon the ocean,

Will beat a path to where I roam,

For in my heart there is a presence

And I will call that presence home.

Mount M.

manche Menschen hören ihre innere Stimme mit großer Klarheit.
sie leben nach dem, was sie hören.
solche Menschen werden verrückt
oder zur Legende

Jungbrunnen

Direkt neben der Garage ist er. Am Morgen danach wirkt er wie festgewachsen. Als ob nichts gewesen wäre. Diese unschuldige Ausstrahlung wirkt übertrieben und scheinheilig. Es gibt für Spa Pools keine weißen Westen. Sie stellen jugendlichen Exzentrikern eine Arena bereit, in der die Dinge ausgetragen werden, denen in öffentlichen Texten das salonfähige Vokabular ausgeht. Finanziell und aus Westen betrachtet, hat es noch keine der anwesenden Personen über den ersten Quadranten der Tankanzeige geschafft. Dennoch gibt es Muscheln und alkoholische Mixgetränke, die kein deutscher Duden buchstabieren könnte. Wir dürfen erleben, was zweitausend Liter wohl temperiertes Wasser mit jugendlichen Ressentiments anstellen. Es gibt wohlgeformte Häkchen auf dieser vierundzwanzigjährigen Wunschliste, denn weiße Westen kann man waschen. Es gibt Eiswürfel aus dem Hahn und viele Dinge, die das Leben bequemer machen, doch eigentlich erlässlich sind. Das macht mir manchmal Angst, wie künstliche Dekorationsfrüchte. Die Hitze des massiven Kaminofens treibt uns irgendwann auf die Veranda mit dem Geländer, das uns in dieser Nacht sicher um das Anwesen geleitet. Ohne Regieanweisung sitzen wir am darauffolgenden Nachmittag in der Notaufnahme des Distrikts Waikato und passieren Revue. Der Verband um Jordans Fuß ist prophylaktisch. Die Glasscherbe ein Exempel dafür, seine Schritte in Barfuß zukünftig glücklicher zu koordinieren. Wir warten auf den Doktor und das Gefühl, dass es das wert war. Gestern saßen wir im Adamskostüm zwischen ein paar durchreisenden Europäerinnen und heute zwischen angetrunken Maoris mit Schlägereihintergrund. Dieser Ort macht krank. Ich schnorre mir eine Zigarette von einem kleinwagengroßen Maori mit Tätowierungen, die mich draußen im Regen dazu bringen, Google zu fragen, ob  man im 21.Jahrhundert skurrile Substanzen in handelsübliche Filterzigaretten einbauen kann. Ich blicke zurück auf die letzten Wochen in diesem Haus am Strand. Ein geschiedener Hausbesitzer, der seinen Drachen noch ein letztes Mal in jugendlichem Fahrtwind aufsteigen lassen möchte, bevor er auf die Fünfzig zugeht und mir die letzten drei Wochenenden den Auftrag erteilte, sein Anwesen mit kultiviertem Partypublikum zu füllen. Eine Mitbewohnerin in Perspektive, die das Sagen übernimmt, wenn der fast fünfzigjährige Hausbesitzer für ein paar Monate nach Panama zieht und ich meine Miete somit nicht mehr mit Hauspartys bezahlen kann. Zu viele linke Points und der Fakt, dass ich in Town mittlerweile jeden mit Vornamen grüße. Ich glaube der Sommer kündigt sich an und wir haben zu viele Ideen und das Fassungsvermögen des Maßstabs ins unermessliche getrieben. Neben Krankenhausverpflegung sagt mir mein Bauch, dass sich das Kapitel Raglan anlässlich und erwartet dem Ende neigt.

Ich glaube ich werde zurück zu den Paterson ziehen und familiäres Dekorationsambiente genießen. Vor mir liegen die letzten drei Wochen volkswirtschaftliche Zeitverschwendung und eine Hand voll Lehrfeststellungen, die nicht ansatzweise so prekär sind, wie die Frage nach einer vollkommenen Sommerresidenz. Ich vertraue auf den Zufall und darauf, dass im Leben nichts ohne Sinn ist. Ich warte darauf, dass Joel mich anruft und mir sagt, dass ein tropischer Wirbelsturm Bilderbuchwellen an einen Teil der Ostküste schickt, der zu einer Sommerliebe werden könnte. Achtundvierzig Stunden später werde ich ausgesurft, dem Herausgeber eines neuseeländischen Mustermagazins über den Weg laufen und einen Surfshop finden, der beschränkt genug ist, einen Deutschen einzustellen. Mount Maunganui ich zähle die Stunden..

Gegenwart ist unentgeltlich

Es ist die Nacht bevor es losgeht. Wir haben Brot gebacken und sechzehn Eier gekocht. Salz in Alufolie verpackt und zu viel Knoblauch in den selbstgemachten Humus geschnitten. Wir haben fremde Frauen mit Couch in Wellington angeschrieben und in einer charmanten Kollektivmail unser Vorhaben illustriert. Für die nächsten Tage werde ich höchstens für Mama erreichbar sein. KeinG und kein Guthaben. Ich komme mir deutsch vor, während ich die Schilder prepariere, die für die nächsten Tage den richtungsweisenden Ton angeben. Ich entscheide mich gegen Deodorant und überlege, ob ich wirklich drei Shirts brauche, um endlich ein Mann zu werden. Es ist schwierig den Rucksack zu packen, wenn man nicht weiss, was der Negativfilm meiner Kamera zu erwarten hat. Am Morgen danach ist es fast elf! Wir sind auf dem Weg an die Straße und erwarten durch jugendlichen Optimismus eine Direktverbindnung zu dem Konzert in Wellington. Bis dahin sind es noch zwölf Stunden und fast sechshundert Killometer. Nach knapp dreißig Absagen auf vier Rädern stoppt eine attraktive sechsundreißig Jährige. Sie fährt nach Hamilton und erzählt uns, dass der Kinderwunsch mit zunehmendem Alter nicht abnimmt. Auf der Suche nach dem Vater ihrer Kinder halten wir an einem Kiosk, in dem Zigaretten wohl das gesündeste sind, was neuseeländische Dollar kaufen können. Fünfundzwanzig Killometer später stehen wir wieder an der Straße und ich halte meinen zu großen Daumen in Fahrtrichtung. Wir brauchen für einhundert Killometer fast sechs Stunden und vier verschiedene Fahrer. Das Repertoire reicht von homosexuellen Umweltschutzaktivisten bis hin zu Maoris, die während der Fahrt mehr Whiskey trinken, als ich seit meiner Volljährigkeit kaufen konnte. Dann erreichen wir Taupo. Eine Provinzstadt, die ohne diesen See am Fuße des Schicksaalsbergs keinerlei Daseinsberechtigung hätte. Für drei Stunden stellen wir unser Leben in Frage. Kein Auto hält und wenn nur um uns zu sagen, dass kein Kiwi um diese Zeit noch auf dem Weg in die Hauptstadt ist. Es wird kalt und es wird dunkel. Der Gedanke es noch rechtzeitig zur Destination zu schaffen, die musikalisches Abendprogramm und flüchtige Bekanntschaften verspricht, verliert sich in Realismus. Wir haben noch noch nie in einem Backpackers Hostel genächtigt und sind wohl auf, diese Bilanz bis zur künstlichen Hüfte aufrecht zu erhalten. Es wird noch kälter und es wird noch dunkler. Wir stinken nach Knoblauch und sind in Gedanken beim ersten Gin Tonic in einer Stadt, die für einen Samstagabend die Welt bedeuten kann. Auf dem Woolworth Parkplatz regaiert man schockiert auf unser Angebot, gemachtes Frühstück gegen ein warmes Bett einzutauschen. Für fünfzehn Dollar brechen wir unser Gelöbnis und checken ein. Es braucht fast fünf deutsche Bier, um uns endlich wieder ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. In der Gefängniszelle unseres Hostels gehen wir davon aus, dass im Leben nichts ohne Sinn ist. Also stürzen wir uns ins animalische Nachtleben unter dem Stern des Common Wealth. Direkt unter uns ist ein Irish Pub, dass nach Mitternacht mehr Securities benötigt, als es Menschen zum beschützen gibt. Wir sind die Farbe der Tristesse und stellen bis drei Uhr morgens klar, dass es mehr gibt als Konfektionsgröße Medium. Am nächsten morgen sind es Kopfschmerzen, die mich unsanft in den Tag geleiten. Auf dem Boden liegen etliche Argumente, gegen das Alkoholverbot nach zehn auf den Zimmern unserer Unterkunft, die wir aus unseren Erzählungen streichen. Wir stehen wieder an der Straße und blicken auf diesen Berg, der fast jede touristische Neuseelandkollektion schmückt. Ich kann dieses unfassbare Panorama nicht mehr ertragen. Wir laufen vier Killometer gen Ortsausgang bis Jordan aufgibt. Wir schütteln uns uebernaechtigt die Haende und pusten uns zum letzten Mal die Knoblauchfahne entgegen. Ich habe das Gefühl, dass ich alleine weiter ziehen muss. Für die nächsten fünf Killometer versuche ich das Gefühl von Auswegslosigkeit zu genießen. Ich komme an einen Kreisverkehr und betrachte die zweite Ausfahrt, als meine letzte Chance diesen Ort heute noch zu verlassen. Ich drehe mir eine Zigarette und beginne zu genießen. Einsamkeit, Einöde und Unsicherheit fühlen sich lebendig an. Ich ziehe ein paar Mal bevor ein weißer Jeep auf dem Seitenstreifen hält. Für die nächsten drei Stunden genieße ich Dreisamkeit, Einöde und Eiscreme. Die beiden sind ein Pärchen, seitdem Rags auf einer Geburtstagsparty nach Channels Nummer fragte. Beide nehmen sich wahr und haben einen Umgang, der wieder jener Alltäglichkeit eine mittlerweile funfjährige Geschichte schreibt. Ich frage weiter. Weniger aus Interesse, aber beide genießen diesen verjüngenden Beziehungsrückblick. Trotz feueriger Leidenschaft für servierte Mahlzeiten lehne ich die Einladung zum Abendessen ab. Es sind immerhin noch knapp zwei Stunden, auf denen ich versuchen muss ein weiteres Anhalterherz für mich zu gewinnen. Ich drehe mir eine weitere Zigarette und denke mir, dass ich zu viel Rauche. Im Moment als ich mein sechstes Streichholz im Wind versenke, stoppt Dennis. Ein siebenundfünzigjhäriger Frührentner mit genügend Geschichten für jede seiner unzählbaren Knasttättowierungen. Die Straße gen Süden legitimiert den Aufwand. Ich glaube wir höhren Musik aus den 70ern bis Dennis mich auf meine ersten Kaffee in Wellington einlädt. Seit zwei Tagen bin ich jetzt hier. Glückseelig ohne eine Ahnung, was ich hier eigentlich mache. Ich koche heute Abend für eine Französin aus dem Elsaß, die ich gestern in einem Second Hand Shop kennengelernt habe. Ich versuche gesund zu essen, trinke zu viel Rotwein und komme mir cool vor, während ich in der Fakultät für Kunst und Design diesen Text in einen leeres Word Dokument trommele.

Die Anhalter:

Die heiße Mutti, Auf der Rückbank eines Bauarbeiters, Homosexuelle Umweltschutzaktivisten, Whiskey Dennis und die geschwängerte Deutsche, Vater und Sohn, Der Hungrige Bruno, Die Ehe mit dem Ordnungszwang, Der mit den 20 englischen Vokabeln, Die heiße Chris und der coole Rags, Knasttattoo Dennis und die 70’er, Der Fahrradfahrer durch Afrika, Der blasse Computerfachmann, Der Bruder des Finanzministers, Der herzliche Farmer, Der Gefängnisaufseher, Der helikopterfliegende Grundschullehrer, Der alter Risikomanager, Die Dicke und das Date, Der rugbyspielende Farbenhändler, Die Irre mit Hut, Der hastige Kurier, Der 27 Kilo in vier Wochen Mann

Eustress

Es geht mir gut. Solange ich meinen Ehrgeiz im Zaun halte. Solange ich nicht über die Zeit nachdenke, die ich unüblicher Weise für akademische Zwischenprüfungen aufzubringen habe. Die Liste der Orte, an denen ich mein Gehirn mit theoretischen Elastizitäten von Getreidepreise vertraut machen konnte, kann sich sehen lassen. Auf der Farm sind gerade einunddreißig Frauen mittleren Alters angekommen. Sie tragen kitschige Cowboyhüte und trinken teuren Sekt mit Sprite. Einige versuchen witzig zu sein und Dinge zu tun, die ihnen das getraute Alltagsleben verbietet. Andere sitzen hart arbeitend vor ihren Smartphones und versuchen das Gruppenfoto mit dem Kussmund über unsere launische Internetverbindung hochzuladen. Eine steht im verkleideten Mittelpunkt und genießt die neidischen Huldigungen ihrer ledigen Freundinnen. Die Norm gibt vor, dass sie an ihrem letzten Tag in Freiheit, die Dinge tut, nach denen sie sich für den Rest ihrer Ehe sehnen wird. Ruhe ist eine Rarität, an dem Ort an dem ich lebe. Auf dem Weg in Toms alten Karavan fangen mich ein paar ihrer Amazonen ab. Sie stinken nach Tonic und würden gerne einen fast vierundzwanzig Jährigen küssen bevor sie ihre Mascara kopfüber in die Toilette halten. Das sagt zumindest ihre unästhetische Körpersprache. Ihr  überzogener Dialekt hingegen fragt, ob Jordan und ich für eine Flasche Gin den Stripper ersetzen wollen, der wegen Grippe heute leider im Bett bleiben musste. Tradition ist ohne Alkohol anscheinend nicht zu ertragen. Wir lehnen ab. Nicht, weil wir zweimal leben, sondern weil es vier Uhr nachmittags ist und mich noch sechzehn Stunden von einer Prüfung trennen, die noch darauf wartet, gelernt zu werden. Toms alter Karavan hat keinen Tisch, aber einen alten Kühlschrank, der nur darauf wartet benutzt zu werden. Ich baue das Inventar aus, damit meine Fußballerwaden genügend Platz haben und ich mich über meine fehlenden Aufzeichnungen lehnen kann. Ich finde ein altes Buch von Hemingway und ein paar zurückgelassene Kondome. Eine Stunde halte ich durch, dann stelle ich mein Leben in Frage. Es geht mir nicht gut. Weil ich heute keinen Surf hatte und keinen meiner zweiundzwanzig Lebensläufe an den Mann bringen konnte, die ich aus ambitionierter Sicherheit mit mir herumtrage. Wann habe ich mir eigentlich das letzte Mal in aller Herrgotts Ruhe die Schuhe gebunden? Wann habe ich den Schnürsenkel aus Zarautz, der meine vier Dollar Jeans daran hindert gen Boden zu wandern, das letzte Mal aufgeknotet, bevor ich ihn in aller Enge über meine junge Hüfte gestreift habe? Eigentlich übe ich mich gerade in Gelassenheit. Raglan kann helfen! Jordan auch! Jedenfalls hat der noch vierzig Dollar auf seinem Bankkonto, die es ihm erlauben, den Moment zu leben. Ich lebe die Zukunft und meine eigene Erwartungshaltung. Ich sehe mich im eigenen Schaufenster und würde jetzt viel lieber Schreiben. Doch über was? Über die unzähligen Wörter und halben Sätze, die mich beim Durchblättern meines Notizbuches erschlagen? Worum geht es hier eigentlich? Darum im Leben nichts auszulassen! Aber verdammt ich kann gar nicht Strippen. Von Montag bis Sonntag diktiere ich mir Errungenschaft. Das billigste Auto, das beste Zimmer, den neuen Hut für nächste Woche, die beste deutsche Backhand und nebenbei noch zwei Klausuren. In der Mittagspause dann noch die ersten Zeilen für das Buch, welches ich gerne Schreiben würde. Nicht das ich mit fast vierundzwanzig  Lust drauf hätte, aber das unbefriedigte Gefühl, nichts erreicht zu haben, ist um einiges unausstehlicher. Also verdammt worum geht es hier eigentlich? Darum meine alte Flamme mit einem Manuskript unserer feurigen Romanze auf Zeit aus ihrem argentinischen Hocker zu hauen? Geht es darum meine Grundschullehrerin anzurufen und zu fragen, ob sie trotz Rente dazu befugt wäre ein Bienchen in mein Hausaufgabenheft zu malen? Zu allererst geht es darum, diesen schäbigen Karavan zu verlassen und ein Ambiente zu finden, dass einer volkswirtschaftlichen Lehrfeststellung  würdig ist. Im Westen gibt es einen italienischen Barrista. Ein Lokal mit unerträglicher Tapete und fehlenden Besuchern. Für mich jedoch endlich ein Raum mit einem massiven Holztisch. Ich weiß es zu schätzen, während ich mich akademisch ausbreite, eine funktionierende Steckdose genieße und meine Beine nicht nach dem Tuna riechen, der zwei Wochen zuvor in dem Kühlschrank das zeitliche gesegnet hat, den ich zum Studieren genutzt habe. Ich bestelle einen Milchkaffee und lege los. Noch vierzehn Stunden und eine Türglocke, die ich bei der Auswahl meiner Lokalität nicht in Betracht gezogen hatte. Das Geräusch muss an dieser Stelle nicht weiter literarisch veranschaulicht werden, denn es ist eine Türglocke, die jeden Besucher mit eigentlich erträglichem Getöse willkommen heißt. Also verbrenne ich mir die Zunge beim exen meines Milchkaffees, packe meine Sache und vermisse zum ersten Mal deutsche Direktheit. Ich kann nicht einfach abhauen, nachdem ich einen ganzen Tisch für umgerechnete 2.50 Euro allein für mich gepachtet habe. In Deutschland kommt man ohne Garnitur rücksichtslos zum Wesentlichen. Eine Unterhaltung beschränkt sich auf drei Floskeln und ein paar förmliche Fragen bezüglich des Wohlergehens auf die man möglichst keine Antwort möchte. Luka hingegen kann es gar nicht erwarten zu erfahren, wie sich mein deutsches Effizienzego eingelebt hat und ob die Dokumentation für diesen deutschen Fernsehsender nun stattfindet. Eine angemessene Antwort kostet mich zwanzig Minuten und das ist fast unhöflich. Ich fahre los. Nach vier Kilometern habe ich auch endlich eine Idee wohin. Ich versuche mein Glück in der frisch renovierten Bibliothek unseres Dorfes. Dort arbeitet Merren, die mir am Telefon voller Stolz versichert, dass ich der erste bin, der dem extra angelegten Schallisolationsraum endlich eine Daseinsberechtigung gibt. Wieder sind es ein Holztisch, Strom und sogar eine funktionierende Internetverbindung, die mir ein Studentengrinsen auf die Lippen zaubern. Minus Schlaf bleiben mir acht Stunden. Mich motiviert die Vorstellung, dass ich bald wieder auf Reise bin und versuche herauszufinden, wo auf der Nordinsel eigentlich Anywhere liegt. Am Morgen danach ist Donnerstag und ich sitze mit Evi im wohl billigsten Auto, das jemals eine Tüv Prüfung bestanden hatte, auf dem Weg nach Hamilton. Wir hören alles Mögliche und reden über Idealismus und die fehlenden neuseeländischen Inselschönheiten. Evi ist schön, aber vergeben. Vielleicht versuche ich mich mal mit inneren Werten, gleich am Freitag, wenn ich wie immer, das Mädchen mit Bart mit zur Uni nehme. Es geht mir gut, weil ich all das bin, was ich sein kann.

Zwischen Norm und Zärtlichkeit


Purist
Es gibt keine Bilder aus der Nacht in Auckland. Nur das eine, auf dem Jordan eine unattraktive Asiatin  küsst. Am Morgen zuvor wussten wir noch nichts von unserem Glück. Wir waren Surfen und haben gesund gefrühstückt. Haben die Ziegen gefüttert und waren laufen. Ich habe etwas geschrieben, Jordan hat an seinem Bild gearbeitet. Einer der ersten Sommertage. Gegen vier standen wir frisch geduscht an der Straße und hielten den Finger gen Fahrtrichtung. Es klappt. Ein französischer Bäckersmeister hält an und erzählt uns auf der Fahrt nach Hamilton, dass Croissants eigentlich aus Österreich kommen. Eine Stunde später kaufen wir einen Karton Bier im Angebot und steigen in Louis unförmigen Kleinbus. Ich sitze auf der Hinfahrt auf dem Beifahrersitz und Jordan auf der Ladefläche. Gute Wahl, dass sollte sich später auszahlen. Wir hören Bronski Beat laut genug, um über textliches Defizit hinwegzutäuschen und haben nach einer halben Stunde den ersten Platten. Voller Ambition geben wir dem Ersatzrad eine Daseinsberechtigung und pinkeln an die Leitplanke.  Zwei Stunden später schmeißt uns Louis mit einer kurzen Touristeninstruktion aus seinem unförmigen Kleinbus. Sieben Uhr morgens wird er uns wieder mitnehmen. Doch bis dahin haben wir neun Stunden, keinen Schimmer wo wir uns befinden und allabendlich befinden sollten. Somit genau das, was wir wollten. Nachdem zweiten Bier auf der Straße stoppt uns die Polizei. Ich proklamiere auf unsichere Art und Weise meine europäische Ausgehmentalität und erkläre dem koreanischen Polizisten, dass ich erst seit kurzem hier bin. Wir sparen 250 Dollar und haben die komplette Touristenmeile vor uns. Wir essen unbezahltes mexikanisches Dinner mit ein paar Holländerinnen, kaufen künstliche Wimpern und bringen den DJ dieses Clubs dazu unseren Ipod anzuschließen. Wir gehen in eine Bar voller Rotlicht und trinken heimlich Alkohol aus der Tasse, während wir durch Akustik angezogen, Bilder und gesprochenes Wort auf einer Ausstellung bewundern. Wir lernen Alexandra und Sophia kennen und trinken Schnaps. Es ist Mitternacht und wir machen uns auf den Weg in den Stadtkern. Sophia findet ihr Outfit inadäquat und hat noch etwas Wein, in der neunzehnten Etage eines Hochhauses in der City. Wir stoßen an und genießen den Ausblick über die Stadt, von der ich immer dachte sie wäre die Hauptstadt. Auf dem Weg in den Club von dem alle reden, tragen die Mädchen unsere Lederjacken. Nicht weil wir das schön finden, sondern weil sich die Abendgarderobe hier gegebener maßen auf das Geburtstagskostüm beschränkt. Wir hoffen, dass wir dennoch frei sind, in dem Club von dem alle reden. Sophia kennt den Türsteher, Keine Schlange, wie billig. Es ist voll und anderes, als ich es bisher von Feierlichkeiten unter dem Segen des Commonwealth gewohnt war. Modelnde Europäerinnen trinken Rotwein aus Gläsern, die groß genug sind, um beim Tanzen keinen Tropfen zu verlieren. GQ lesende Neuseeländer versuchen interessant und anders auszusehen. Dazwischen aufgepumpte Maoris mit Konfektionsgrößen, die ich noch aus dem Kindergarten kenne. Die Party ist der Knaller. Genauso wie das Frühstück danach. Mit ein paar Australierinnen, die wir nie wieder sehen. Es ist jetzt Fünf Uhr morgens und zu definitiv zu früh um wach zu sein. Die Euphorie legt sich und die Müdigkeit setzt ein. Mein Telefon klingelt. Gott sei Dank es ist Louis. Irgendwo auf der Queensstreet sammelt er uns ein. Ich liege hinten auf der Ladefläche, neben dem kaputten Reifen und leeren Getränkedosen. Der Weg nach Raglan ist lang und kurvig. Als die Sonne aufgeht sind wir fast da. Die Musik aus den Boxen macht die Situation surreal. Denke ich zumindest. Jordan sicherlich auch!

Purist

Es gibt keine Bilder aus der Nacht in Auckland. Nur das eine, auf dem Jordan eine unattraktive Asiatin  küsst. Am Morgen zuvor wussten wir noch nichts von unserem Glück. Wir waren Surfen und haben gesund gefrühstückt. Haben die Ziegen gefüttert und waren laufen. Ich habe etwas geschrieben, Jordan hat an seinem Bild gearbeitet. Einer der ersten Sommertage. Gegen vier standen wir frisch geduscht an der Straße und hielten den Finger gen Fahrtrichtung. Es klappt. Ein französischer Bäckersmeister hält an und erzählt uns auf der Fahrt nach Hamilton, dass Croissants eigentlich aus Österreich kommen. Eine Stunde später kaufen wir einen Karton Bier im Angebot und steigen in Louis unförmigen Kleinbus. Ich sitze auf der Hinfahrt auf dem Beifahrersitz und Jordan auf der Ladefläche. Gute Wahl, dass sollte sich später auszahlen. Wir hören Bronski Beat laut genug, um über textliches Defizit hinwegzutäuschen und haben nach einer halben Stunde den ersten Platten. Voller Ambition geben wir dem Ersatzrad eine Daseinsberechtigung und pinkeln an die Leitplanke.  Zwei Stunden später schmeißt uns Louis mit einer kurzen Touristeninstruktion aus seinem unförmigen Kleinbus. Sieben Uhr morgens wird er uns wieder mitnehmen. Doch bis dahin haben wir neun Stunden, keinen Schimmer wo wir uns befinden und allabendlich befinden sollten. Somit genau das, was wir wollten. Nachdem zweiten Bier auf der Straße stoppt uns die Polizei. Ich proklamiere auf unsichere Art und Weise meine europäische Ausgehmentalität und erkläre dem koreanischen Polizisten, dass ich erst seit kurzem hier bin. Wir sparen 250 Dollar und haben die komplette Touristenmeile vor uns. Wir essen unbezahltes mexikanisches Dinner mit ein paar Holländerinnen, kaufen künstliche Wimpern und bringen den DJ dieses Clubs dazu unseren Ipod anzuschließen. Wir gehen in eine Bar voller Rotlicht und trinken heimlich Alkohol aus der Tasse, während wir durch Akustik angezogen, Bilder und gesprochenes Wort auf einer Ausstellung bewundern. Wir lernen Alexandra und Sophia kennen und trinken Schnaps. Es ist Mitternacht und wir machen uns auf den Weg in den Stadtkern. Sophia findet ihr Outfit inadäquat und hat noch etwas Wein, in der neunzehnten Etage eines Hochhauses in der City. Wir stoßen an und genießen den Ausblick über die Stadt, von der ich immer dachte sie wäre die Hauptstadt. Auf dem Weg in den Club von dem alle reden, tragen die Mädchen unsere Lederjacken. Nicht weil wir das schön finden, sondern weil sich die Abendgarderobe hier gegebener maßen auf das Geburtstagskostüm beschränkt. Wir hoffen, dass wir dennoch frei sind, in dem Club von dem alle reden. Sophia kennt den Türsteher, Keine Schlange, wie billig. Es ist voll und anderes, als ich es bisher von Feierlichkeiten unter dem Segen des Commonwealth gewohnt war. Modelnde Europäerinnen trinken Rotwein aus Gläsern, die groß genug sind, um beim Tanzen keinen Tropfen zu verlieren. GQ lesende Neuseeländer versuchen interessant und anders auszusehen. Dazwischen aufgepumpte Maoris mit Konfektionsgrößen, die ich noch aus dem Kindergarten kenne. Die Party ist der Knaller. Genauso wie das Frühstück danach. Mit ein paar Australierinnen, die wir nie wieder sehen. Es ist jetzt Fünf Uhr morgens und zu definitiv zu früh um wach zu sein. Die Euphorie legt sich und die Müdigkeit setzt ein. Mein Telefon klingelt. Gott sei Dank es ist Louis. Irgendwo auf der Queensstreet sammelt er uns ein. Ich liege hinten auf der Ladefläche, neben dem kaputten Reifen und leeren Getränkedosen. Der Weg nach Raglan ist lang und kurvig. Als die Sonne aufgeht sind wir fast da. Die Musik aus den Boxen macht die Situation surreal. Denke ich zumindest. Jordan sicherlich auch!

Getrieben

Eigentlich wollten wir kurz vor sechs los. Doch kurz vor eins hatte es geklopft. Zehn neuseeländische Argumente und kaltes Bier bringen mich dazu, dem Freitagabend dann doch die Beschäftigung zu bieten, die er verdient. Fast jeder ist ziemlich betrunken. Irgendein Italiener  macht den DJ und bringt mich dazu ein paar meiner allmorgendlichen Lieblingslieder nun mit abendlicher Feierlichkeit zu assoziieren. Bis vier fallen drei Gläser und fünf Flaschen Bier auf unseren trendigen Betonboden, die einem am Morgen danach helfen können, Erlebtes zu rekonstruieren. Viele der Partygäste verteilen sich auf das Repertoire an Sofas. Auf dem Weg durch das Szenario nehme ich keine Rücksicht und mache mir den Wohl lautesten Kaffee meines Lebens.  Gegen Zehn fahren wir los. Ich und zwei deutsche Backpacker. Sie sind zu Besuch und bringen mich dazu touristische Attraktionen zu bewundern, die ich mir alleine nicht anschauen würde. Die Rede ist von natürlicher Architektur und all dem was zwischen den Orten passiert, an denen man andere um ein Foto bittet, nur um zu sagen been there done that. Bevor es losgeht checke ich noch einmal den  Swell, der mich stark an die neuseeländische Version von Hercules erinnert. Die Klippe erlaubt es den Point und Raglans einzigem Beachbreak, punktuell die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal zum Horizont anstelle der Brandung geschaut habe. Ohne eine Antwort fahren wir über Straßen, die keine Straßen sind. Wir atmen klare Winterluft und sind fasziniert, wie gut dieses abgefahrene Pink Floyd Album, die Szenerie unterstreicht. Alle 200 Meter kommt ein Ort, an dem man vierzehn Tage Urlaub machen könnte.  Die Varietät reicht von missbrauchten Urlaubsmotiven bis hin zu natürlicher Einzigartigkeit. Und das nicht einmal hundert Kilometer südlich des Ortes, an dem ich die meiste Zeit damit verbringe nicht weiter als bis zur ersten Sandbank zu blicken. Zwischen gewaltigen Bergmonumenten erzählt Marcel, wie er vor einigen Wochen Wildschweine mit Maoris jagte und vom Lionsrock. Zwischen unendlichen Hochplateaus  erzählt Julia, wie sie eine Packung Kekse nach Neuseeland schmuggelte und vom Ayers Rock. Nach drei Stunden auf denen ich froh war nur Beifahrer zu sein, erreichen wir einen Ort, der nicht unser Ziel war. Wir laufen über schwarzen Sand und zählen die wilden Pferde. Vorbei an einer Farm voller engagierter Wachhunde steigen wir auf einen Berg, um uns Überblick zu verschaffen. Ich trage Janoskis und komme mir blöd vor. Nach 700 Höhenmetern hole ich mir meinen Horizont zurück. Ich hatte gehofft die vorgelagerten Strände zu sehen, die man mit mitteleuropäischen Vehikeln nicht erreichen kann. Ich hatte gehört, die Wellen würden dort einsam vor sich hin brechen. Doch alles was der Blick durch die Berge zulässt, ist zu weit um beurteilt zu werden. Wir essen billige Bohnen und Süßkartoffeln, die vom Hunger gehindert werden, durch zu kochen. Ich genieße Weite und die Vorstellung, dass ich mich in meinem Semesterbreak mit einem Rucksack und ein paar Wurstbroten an die Straße stellen werde, um in zwei Wochen herauszufinden wo Anywhere liegt. Ob mit oder ohne Board, sei im Moment noch dahingestellt. Auf jeden Fall mit dem kreditkartengroßen Notizbuch und ein paar Farbfilmen. Nur ich und ambitionsloser Zufall auf dem Beifahrersitz völlig fremder Menschen.

Wer rastet der kostet. schwarzweiße Faszination für $45 

Vagabund wider Willen

Ich sitze ohne Mütze im Büro des Managers. Es ist ein Bungalow, wie jeder andere auf dem Campus der Waikato University, in denen internationale Studenten in zwanzig verschiedenen Sprachen schnarchen. Unzählige Selbstaufnahmen, zählen unzählige Mobiltelefone, die keinen anderen Zweck erfüllen, als die zurückgelassene Fernbeziehung mit digitalen Informationen zu versorgen. Warum ich im Büro des Managers sitze? Das weiß ich selber nicht. Warum ich somit den Schein erwecke, mein Radius reiche nicht über die Broadbandverbindung des Unigeländes hinaus ist hingegen reine Methodik. Meistens ist es ein gewöhnlicher Morgen in Raglan. Fünfunddreißig Knoten peitschen esstischgroße Palmenblätter gegen das Fenster meiner sechs Quadratmeter großen Gemütlichkeit. Der Regen ist so laut, dass ich den Alarm nicht höre. Mit den ersten Bauarbeiten auf dem benachbarten Grundstück verziehen sich die Wolken, die sich über die Nacht um den Berg angesammelt haben. Es fällt schwer, dass Bett am Morgen mit dem richtigen Bein zu verlassen, da das Wetter schneller wechselt, als die Statusmeldungen flüchtiger Bekanntschaften. Null Personen gefällt, dass es hier morgens meisten zu kalt ist. Deswegen auch die Uggboots für umgerechnete Neuneuroneunundneunzig. Deswegen trennen mich mittlerweile zwei Packungen Sekundenkleber und Billigsolen von neuseeländischem Boden. Auf dem Weg zur einzigen Routine des Tages sehe ich dieses Bild wieder. Es liegt zum Trocknen auf unserem Küchentisch und duelliert sich, was den Geruch von kaltem Acryl angeht, mit der selbstgemachten Knoblauchsuppe letzter Nacht. Es ist das Profil eines Löwen, dass Jordan binnen der vergangen vier Tage versucht auf eine Leinwand zu bringen. Eine Kiwi, zwei Birnen, Leinsamen und Nüsse im Wert einer Versacetasche. Dazu etwas Quark und Haferflocken. Darf ich vorstellen: meine Konstante. Meistens klopft es gegen zehn. Meistens ist es Toni, ein Anfang vierzig jähriger Afrobrite, auf der Suche nach Menschen, die seine Backgammon – Neurose teilen. Er besitzt einen Trödelladen in der Stadt und trägt die Hälfte seines Juwelierangebots am Körper. Wie jeden Morgen sage ich nein, da ich mich diesem Spiel erst hingeben werde, wenn die Altlast einer Party länger als einen halben Tag dauert, um überlebt zu werden. Auch er adelt den Löwen. Ich kann dieses Bild nicht mehr sehen. Es ist unfassbar gut. Die Sprache eines Bildes kennt keine Ländergrenzen. Dazu noch etwas walisische Bescheidenheit und die Bewunderung sitzt. Ich hingegen sitze zu unmoralischen Zeiten vor meinem Tor zur Welt und male in Times New Roman, Bilder, die nur ein Deutscher versteht. Zu ehrgeizig zu glauben, Fotografie könnte die nicht weiter bemerkten Sensationen, die das alltägliche Leben ausmachen, so einfangen wie es Microsoft Word kann. Didaktik fehlender Anerkennung wäre mit Sicherheit, die einzige Vorlesung in der ich mir einen Platz in den vordersten Reihen reservieren würde. Daran wachse ich. Genauso wie an den Zehnfußwellen, die seit über einer Woche die Points zum überkochen bringen. Seit zwei Tagen konnte ich nicht ins Wasser. Ein Tag für das Exposè einer ARTE Dokumenation und zu viel Wind. 48 Surfchecks und 32 Kaffeekonversationen mit der hübschen Kräuterverkäuferin und denen, die man sonst in Town trifft. Tee mit Milch und wieder eine Runde Tischtennis, um ambitionsgeladen das nächste High Tide Fenster abzuwarten. Am Ende ist es nur meine PingPong Backhand, die überzeugt. Dazu eine Nacht in Hamilton und der Grund dafür, warum ich 9 Uhr morgens im Büro des Campus Managers sitze. Eine überflutete Toilette, ein angebrochener Billiardqueue und schlaflose Studenten gehen auf das Karma von Jordan und mir. Der neue Haarschnitt kommt ohne die Mütze zwar zur Geltung, jedoch erhoffe ich durch ein unrebellisches Äußeres auf kostengünstige Gnade. Der Manager trägt ein rosafarbenes Leinenhemd bis zum dritten Knopf offen. Das ist Trumpf! Es kostet mich lediglich eine Entschuldigung und plakative Reue. Ich spare mindestens 100 Dollar. Das ist genug Benzingeld, um Julia aus Hamilton abzuholen. Eine Deutsche, die mit mir im Flug EK432 von Singapur nach Brisbane die Sitzpartie und einen Bourbon Cola nach dem anderen teilte. Herzlich Willkommen in Raglan..

Flanerie

Hier bin ich! Dort wo Koreaner Kickflips in Airmax versuchen und Mädchen mit 21 ins sechste Semester kommen, um sich täglich die Frage zu stellen, warum schminken, wenn es Filter gibt? Dieses süßliche Parfüm scheint hier jede zu tragen. Es ist unerträglich, vor allem dann, wenn es sich mit meinen Vorlesungsinhalten aus Ökonomie Eins und Zwei vermischt. Aus ökonomischer Inselperspektive gehören Österreich und Deutschland noch zusammen, Exchange Students müssen sich doppelt versichern und Gastfreundlichkeit gibt es bis zum Tellerrand. Es ist wie erwartet mit genügend Spielraum für das Unerwartete. Ich bleibe länger als Gedacht bei den Patersons, dafür ist das Essen zu gut und die mütterliche Wärme zu angenehm. Sie haben einen Hund und ein Kommunikationsproblem. Nach über dreißig Jahren Ehe sicherlich keine Seltenheit. Mit dem Hund spreche ich Deutsch, weil ich mir sonst dumm vorkomme. Ich schlafe in der ersten Etage eines Einfamilienhauses, welches größer ist, als die Schule, die ich besuchte. Die Blumen sind künstlich, die Bilder an der Wand haben so viel persönlichen Bezug, wie Geburtstagswünsche von Google Mail. Deswegen auch die Katze. Deswegen sind ich und der dänische Badmintontrainer herzlich willkommen. Es herrscht Action in der Sherwood Road! Ich bleibe sechs Tage bevor es mich nach draußen zieht. Mein erstes Auto kostet mich nicht mehr als zwei Friseurbesuche und ich fahre los. Raglan ist der mit Abstand schönste Ort, den meine Ostdeutschen Augen in den letzten 23 Jahren vor die Pupille bekommen haben. Die Ökonomievorlesung ist vierundsechzig Kilometer entfernt und das süßliche Parfüm somit in weiter Ferne. Vor mir liegen zehn Hausbesichtigungen. Das bedeutet auf neuseeländisch zehn Geschichten und zehn Liter Heißgetränke. Ich habe noch 26 Fotos auf meinem Film. Gen Abend werde ich mir wünschen, dass es mehr gewesen wären. Ich treffe Denise, eine Künstlerin mit Meerblick, trinke Kaffee mit Peggy, einer Künstlerin ohne Meerblick. Ich flüchte mich vor Ruth und ihrem abschreckenden Toilettenaufsatz. Jetzt brauche ich einen Kaffee, eine Pause, die zu einer Unterhaltung mit Jeff wird. Ein sechsundsiebzig jähriger Radiomoderator mit den wohl dreckigsten Witzen, die mein englisches Vokabular je übersetzt hat! Plötzlich klingelt mein Handy. Es ist ein Kiwi namens Peter, der aufgrund fehlender Technikkenntnisse und voranschreitenden Alters nicht in der Lage ist, mir die Adresse per SMS zu schicken. Er entschuldigt sich für die Straßen, die zu dem Caravan führen, den er gerne für zehn Dollar pro Nacht vermieten würde. Ich wohne in keinem Wohnwagen, aber ich weiß auch, dass ich mir dieses Szenario anschauen muss. Nach einer Viertelstunde nehme ich seine Entschuldigung an und erkenne, dass jegliche Adressangabe irrelevant gewesen wäre. Es geht abwärts in den Busch. So tief, dass kaum noch Sonnenlicht durch das Dach des Dschungels dringt. Es ist schlammig und völlig sinnlos. Dann sehe ich einen Baum mit einer roten Neunzehn und fahre auf den Hof von Peter und Mahowri. Ich sehe einen 81er Chevrolet Malibu, ein selbstgebasteltes Haus aus Holz und einen Caravan. Voller Freude werde ich empfangen, als wäre ich neben der Wasserleitung die einzige Verbindung zur Außenwelt. Peter führt mich ins Haus. Vorbei an einer Feuerstelle betrete ich einen Raum, in dem Staubputzen unmöglich ist. Am Tisch zum Fenster sitzt eine ältere Frau. Sicherlich ist es seine Frau, sicherlich könnte es aufgrund ihrer körperlichen Distanz auch seine Schwester sein. Ich bin überwältigt und strecke der Frau meine Zahnlücke entgegen. Gerade hat sich mein Horizont geweitet. Peter fragt, ob mir der Hund zeigen soll, wie man zum Surfspot kommt, den sie hier Indicators nennen. Ich sage ja..

Ich wohne jetzt hinter dem 50km/h Schild links. Wir haben ein riesiges Grundstück voller Gemüse, Schafe und genügend Holz, um doch noch Kanadier zu werde. Im Sommer wohnen hier Touristen. Im Winter presse ich Säfte in unserer partygeneigten Wohnküche und genieße kühles Lager auf den Yotclub mit Jordan und Mu. Wenn das Auto mal nicht anspringt, nehme ich ein Schild und stelle mich an die Straße, um eine knappe Stunde später wieder volkswirtschaftlichen Parfümerieunterricht zu genießen.

Ein Besuch im Kreissaal von MS Surfboards. Mitch Surman, Sunshine Coast.

Ruiniere jeden logischen Gedanken auf der Südhalbkugel

HOWAHYA
jetzt könnte es 04.46 am sein. ich hatte gestern meine Armbanduhr abgelegt, damit ich etwas bequemer schlafe. irrelevant! denn über Schlafqualität entscheidet letztlich Dans Futonbett, das maximal zwei Schlafpositionen zulässt und geneigt ist nach rechts zu kippen. ich bin wach. zu müde, um weiterzuschlafen. ich nehme meinen Laptop und sehe, dass es in Deutschland 21:36 Uhr ist. das ist definitiv zu früh um in Australien zurückzurechnen. ich genieße Orientierungslosigkeit. mein greller Bildschirm taucht den Rest unserer Loft in tiefes schwarz und lässt mich beim Treffen der Tasten auf ausdauernde icq Erfahrungen bauen. die Frequenz der vorbeifahrenden Autos wird höher, doch selbst in den Pausen dazwischen ist es still. auch wenn mein Nachbar, das Meer, weniger als 50 Meter entfernt ist, kann man es kaum hören. der Swell ist weg oder um ehrlich zu sein war er nie da. gestern waren wir etwas weiter nördlich. wie durch ein Wunder war da eine Bank mit einer 2 ft Rechten. kaum Wind und die halbe Coast auf einer Welle. das Wochenende davor sind wir nach Byron gefahren. doch nicht mit deutscher Akribie, sondern australischer Gelassenheit, die ich seit meinem letzten Besuch als verloren glaubte. doch sie war es, die mich neben Daniel als erstes am Flughafen begrüßte. in New South Wales waren Wellen. wunderschöne Kulissen und Ranger, die uns in Eppo‘s Mercedes Benz für alles andere als Camper hielten. natürlich versuchten wir auf dem Woolworth Car Park wieder weibliche Locals zu finden, die uns für ein gemütliches Dinner ihre Küche zur Verfügung stellten. natürlich waren wir im Beach Hotel und natürlich waren wir neben einer halben Millionen Delfine die ersten im Wasser. Boulders war on fire mate. der kleine Bruder von Lennox Head nahm was er kriegen konnte. ein Samstagmorgen kann so verschieden sein. in Deutschland bist du um diese Zeit auf dem Weg nach Hause. in Australien kostet ein Bier vier Dollar. ist das Fluch oder Segen? das ist egal, denn hier entscheiden andere Dinge, die einander verbinden. grüne Säfte am Morgen und gute Kaffees zum Mittag. gemeinsamer Surf dazwischen und intensive Gespräche mittendrin. umrahmt von genügend flachen Sprüchen bis das einem die Lymphdrüsen anschwellen. beim zweiten Besuch erkenne ich, dass die Sunshine Coast ein Zuhause geworden ist. wo ist meine Uhr? ich brauche Orientierung. vielleicht will ich endlich in den Tag starten dürfen, weil Freitag schon der Flieger geht. mit anderen Deutschen und sechs Kilo Übergepäck. die Uni in Neuseeland hat bereits Montag begonnen. ich komme pünktlich vier Tage zu spät. das ist es wert, genauso wie die Nummer einer wunderschönen Emirates Stewardess.
HOWAHYA

jetzt könnte es 04.46 am sein. ich hatte gestern meine Armbanduhr abgelegt, damit ich etwas bequemer schlafe. irrelevant! denn über Schlafqualität entscheidet letztlich Dans Futonbett, das maximal zwei Schlafpositionen zulässt und geneigt ist nach rechts zu kippen. ich bin wach. zu müde, um weiterzuschlafen. ich nehme meinen Laptop und sehe, dass es in Deutschland 21:36 Uhr ist. das ist definitiv zu früh um in Australien zurückzurechnen. ich genieße Orientierungslosigkeit. mein greller Bildschirm taucht den Rest unserer Loft in tiefes schwarz und lässt mich beim Treffen der Tasten auf ausdauernde icq Erfahrungen bauen. die Frequenz der vorbeifahrenden Autos wird höher, doch selbst in den Pausen dazwischen ist es still. auch wenn mein Nachbar, das Meer, weniger als 50 Meter entfernt ist, kann man es kaum hören. der Swell ist weg oder um ehrlich zu sein war er nie da. gestern waren wir etwas weiter nördlich. wie durch ein Wunder war da eine Bank mit einer 2 ft Rechten. kaum Wind und die halbe Coast auf einer Welle. das Wochenende davor sind wir nach Byron gefahren. doch nicht mit deutscher Akribie, sondern australischer Gelassenheit, die ich seit meinem letzten Besuch als verloren glaubte. doch sie war es, die mich neben Daniel als erstes am Flughafen begrüßte. in New South Wales waren Wellen. wunderschöne Kulissen und Ranger, die uns in Eppo‘s Mercedes Benz für alles andere als Camper hielten. natürlich versuchten wir auf dem Woolworth Car Park wieder weibliche Locals zu finden, die uns für ein gemütliches Dinner ihre Küche zur Verfügung stellten. natürlich waren wir im Beach Hotel und natürlich waren wir neben einer halben Millionen Delfine die ersten im Wasser. Boulders war on fire mate. der kleine Bruder von Lennox Head nahm was er kriegen konnte. ein Samstagmorgen kann so verschieden sein. in Deutschland bist du um diese Zeit auf dem Weg nach Hause. in Australien kostet ein Bier vier Dollar. ist das Fluch oder Segen? das ist egal, denn hier entscheiden andere Dinge, die einander verbinden. grüne Säfte am Morgen und gute Kaffees zum Mittag. gemeinsamer Surf dazwischen und intensive Gespräche mittendrin. umrahmt von genügend flachen Sprüchen bis das einem die Lymphdrüsen anschwellen. beim zweiten Besuch erkenne ich, dass die Sunshine Coast ein Zuhause geworden ist. wo ist meine Uhr? ich brauche Orientierung. vielleicht will ich endlich in den Tag starten dürfen, weil Freitag schon der Flieger geht. mit anderen Deutschen und sechs Kilo Übergepäck. die Uni in Neuseeland hat bereits Montag begonnen. ich komme pünktlich vier Tage zu spät. das ist es wert, genauso wie die Nummer einer wunderschönen Emirates Stewardess.